Donnerstag, 16. Juli 2026

Auf Wiedersehen, Mama

Ein schöner Tag in 2021

Meine Mama

Diese Überschrift könnte suggerieren, dass meine Mutter nur mir allein gehören würde. Das ist natürlich nicht korrekt, und ich will es sofort korrigieren: sie ist die Mama von uns drei Brüdern. Und sie war immer stolz auf ihre Jungs. Als Kinder waren wir ihre drei "H's", nämlich Harald, Horst und Holger! Also ist sie 'unsere' Mama. Doch hier schreibe ich aus meiner Sicht.

Erinnerungsfetzen an Mamas Leben

Mama wohnte zuletzt im Seniorenheim Am Auetal in Ahlerstedt, nur fünf Minuten zu Fuß entfernt von meinem Haus. Oft hat sie ihre Spaziergänge durch unsere Siedlung gemacht. Wie oft sie an meiner Haustür klingelte, weiß Gott allein. Denn ich war ja meist bei der Arbeit. Dann kam mit Corona das inzwischen recht beliebte Homeoffice. Da habe ich erfahren, dass Mama fast jeden Tag ihre Runde in unserer Siedlung machte. Doch sie klingelte nicht jedes Mal, nein – manchmal, so konnte ich es beobachten, schaute sie nur und ging weiter.

Zu dieser Zeit litt Mama schon länger an Demenz. Stets habe ich sie hereingelassen und einen Kaffee für uns beide aufgesetzt. Und wenn meine Zeit gerade mit einem Online-Meeting geblockt war, habe ich nach Möglichkeit Ton und Kamera für das Meeting ausgeschaltet und Mama meine Zeit gewidmet. Danach zog sie zufrieden ihre Runde weiter.

Jeden Sonntag habe ich sie aus dem Heim abgeholt. Dann sind wir zusammen mit meinem Opel Corsa zur Kirche zum Doosthof gefahren. Anschließend gab es Mittagessen bei mir Zuhause. Meistens irgendwas mit Kartoffeln. Denn Mama wollte immer helfen. Kartoffeln schälen vermochte sie auch noch, als die Demenz schon weit fortgeschritten war. Darum!

Papa starb am 20. März 1987, als Mama 54 Jahre alt war. Manche Herausforderung servierte ihr das Leben danach. 

Nach Papas Tod galt es, Oma zu pflegen. Nun, da sie allein war, Harald und Holger verheiratet waren und eigene Familien hatten, und ich als junger Kerl auch kaum zu Hause war, lag diese Last auf ihren Schultern. Denn Oma war bereits seit Jahren dement und ein zunehmend aufwändigerer Pflegefall. Die eigene Mutter ins Pflegeheim abzugeben, war für Mama jedoch keine Option. Aus heutiger Sicht bereue ich es sehr, ihr nicht mehr unter die Arme gegriffen zu haben. 

Oder der Sommer 2002. Es war am 18 Juli 2002 – elf Tage vor ihrem Geburtstag. Nach viertägigen ununterbrochenen Regenfällen schaffte die Verrohrung unter der Stader Straße die anströmenden Wassermassen nicht mehr und der Wasserspiegel stieg so weit, bis es über die Straße zur anderen Seite hinüberlief. Mithin stand das Wasser auch in Mamas Keller bis zur dritten Treppenstufe – von oben her! In der vermieteten Kellerwohnung schwammen alle Möbelstücke unter der Decke. Nichts war mehr brauchbar. Auch ihre Aktenordner waren im Keller gelagert. In wochenlanger Sisyphusarbeit legte sie Blatt für Blatt in die Sonne zum Trocknen. Doch bis das Gemäuer wieder durchgetrocknet war, dauerte es Monate.

Sie qualifizierte sich als tüchtige Geschäftsfrau. Nachdem ihr Mann sein Elektrogeschäft und dazu ein Ladengeschäft  in Ahlerstedt gegründet hatte, stand Mama stets hinter dem Tresen und verkaufte, was ein Haushalt im Dorf so brauchte: Taschen-, Hänge- und Stehlampen, Radios und Fernseher, Batterien, Mixer und Kochtöpfe. Später führte sie Ladengeschäfte mit Kunstgewerbe und Trachtenmoden in Stade und Bremervörde.

Als Kind fand ich Mama oft ziemlich streng – was bei mir ganz sicher auch notwendig war. Was wäre wohl aus mir geworden, wenn sie anders gewesen wäre? Sie hatte stets eine ‘klare Kante’. Ich wusste immer – naja, meistens, was sie tolerierte und was nicht. 

Meine Welt war draußen in den Wiesen und im Wald. Mit den Hausaufgaben hatte ich es nicht so. Daher hatte Mama oft Mühe, mich zum Abendessen an den Tisch zu bekommen. Aber sie konnte durch die Finger pfeifen. Wenn ihr Pfiff durch die Luft gellte – wusste im Umkreis von 250 Metern jeder, dass Horst nach Hause kommen sollte. Und ich erst recht!

Mama war in meinen Augen jemand, die gerne Neues und Modernes in die Familie gebracht hat und gleichzeitig großen Wert auf Bewährtes gelegt hat. Und sie war immer darauf bedacht, dass alle, die ihr wichtig waren, zusammenkommen konnten – bis zum letzten Tag. Nachdem wir drei Jungs sie im Krankenhaus am Sterbebett besuchten, blühte sie für ein paar Tage wieder auf und erfreute sich sichtlich über unsere Gegenwart.

Ach, es gäbe so viel von ihr zu erzählen...

Am 4. Juni 2026 schloss sie für immer ihre Augen und trat in eine andere Welt, wo es keine Krankheiten und Leiden gibt und wo gewiss viele auf sie warteten. 


Ich liebe dich für immer!


*  *  *  *  *

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hast Du sehr schön geschrieben Horst! Liebe Grüße von Jörg

Flieger-Horst hat gesagt…

Danke, lieber Jörg

Anonym hat gesagt…

Das berührt Horst, Du jonglierst perfekt Wort und Gefühl. Alles Liebe, Nadine

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