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Donnerstag, 1. Januar 2026

Horst auf den Spuren der Inkas

Erste Peru-Reise mit Sohn

Reiseplan: nochmal Argentinien

Meine ersten peruanischen Eindrücke sammle ich gemeinsam mit meinem Sohn Alex im Februar 2025

Vater & Sohn

Gemeinsam besuchen wir Puno am TiticacaseeCusco – die Königsstadt der Inkas, die Ruinen von Machu Picchu, die Salinen von Maras, haben einen Riesenspaß beim Sandboarding in den Dünen von Ica und last but not least die schönsten Ecken der Hauptstadt Lima.

Diesen ersten Abschnitt über Peru halte ich hier bewusst kurz, um mich nicht zu wiederholen, und verweise auf den Artikel, in dem mich mein Sohn Alex vier Wochen lang begleitet hat und wir gemeinsam großartige Orte in Bolivien und Peru besucht haben. Hier weiterlesen.

Wieder allein unterwegs – neuer Reiseplan: nochmal Argentinien

7. März 2025 – Nachdem unser letzter gemeinsamer Tag in Lima verklungen war und Alex sich auf den Weg zurück nach Deutschland zu seiner Freundin Nadine gemacht hatte, spüre ich, wie sehr diese vier Wochen unser Vater-Sohn-Verhältnis auf eine neue, bisher unbekannte Qualität gehoben haben.

Ein paar Tage bleibe ich noch in Lima – aus mehreren Gründen:
Erstens: Dieses Hostel – Viajero Lima (Betreiber-Link), das wir gemeinsam bewohnt haben, ist schlicht großartig, was ich nicht allzu oft erlebe.
Zweitens: Die Stadtteile Barranco, in dem das Hostel liegt, und Miraflores gefallen mir außerordentlich gut.
Drittens: Ich will mir in Ruhe Gedanken über meine weitere Reise machen.

Dieser dritte Punkt führt schließlich zu dem Entschluss, nochmals nach Argentinien zu reisen, um den Norden zu erkunden, der mir bislang sprichwörtlich „durch die Lappen gegangen“ war. Um es kurz zu machen und meine tagelangen Überlegungen zur Reiseplanung zusammenzufassen: Flug von Lima nach Santa Cruz de la Sierra in Bolivien, von dort weiter per Bus nach Asunción in Paraguay, um von dort nach Argentinien einzureisen. Da der Bus von Santa Cruz würde direkt an Filadelfia vorbeikommen würde, könnte ich auch noch einen Überraschungsbesuch bei meinen Freunden Marylin und Gerd auf ihrem Campo einlegen, bei denen ich bereits vier Wochen Workaway gemacht habe. Danach wollte ich nach Asunción weiterfahren und von dort ein zweites Mal nach Argentinien reisen.

Um dem weiteren Reiseverlauf zu folgen, lies bitte bei „Paraguay II“ weiter. (Verlinkung ist in Arbeit)

Fortsetzung der Reise in Peru

26. Juli 2025 – Nun führt mich die Reise ein zweites Mal entlang des Titicacasees (Wikipedia) von Copacabana in Bolivien nach Peru. War meine Einreise zusammen mit Alex nach Peru eine Sache von einer Stunde, dauert es heute jedoch deutlich länger. Geschlagene viereinhalb Stunden stehe ich – natürlich nicht allein – vor dem Immigrationsbüro, bis ich an die Reihe komme. 

Puno

Nun bin ich wieder in Puno und möchte diesmal die schwimmenden Inseln der Uros (Wikipedia) besuchen. Aber: ich gerate immer wieder in einen inneren Zwiespalt, wenn ich an Orte komme, die touristische Attraktionen bieten und bei denen jahrhundertealte Traditionen modernen Touristen präsentiert werden. Einerseits bekommt man dadurch Dinge zu sehen wie Überreste vergangener Hochkulturen oder Einblicke in die Lebensweise indigener Völker, die man sonst höchstens von Bildern kennt.

Aus meiner Sicht hat das Ganze zwei Seiten: Teilhabe und Kommerzialisierung. Letzteres lehne ich tief in meinem Inneren ab, bin andererseits aber gern bereit, meinen Beitrag dazu zu leisten, Kulturschätze zu bewahren und auch Menschen zu unterstützen, die deutlich weniger haben als der Durchschnitt. Oft ist der Zugang allerdings recht teuer, selbst für mich als Europäer. Mein Budget ist natürlich ein begrenzender Faktor, sodass ich solche Erlebnisse bewusst auswähle.

Diese schwimmenden Inseln gehören dem indigenen Volk der Uros, die ihre Lebensweise auf diesen Schilfinseln bis heute weitgehend unverändert beibehalten haben. Diese Inseln sind nur per Boot erreichbar und liegen etwa 20 Minuten vom Ufer Punos entfernt.

Touristenboote in Puno

Als ich frühmorgens zum Anleger pilgere, trifft mich schier der Schlag. Dutzende Fährboote liegen dort und warten auf ihren Einsatz. Ein Boot nach dem anderen füllt sich mit Touristen, und wie an einer Perlenschnur aufgezogen entfernt sich eines nach dem anderen vom Anleger. Alles in mir sträubt sich dagegen, mich diesem Touristenstrom anzuschließen. Desillusioniert schaue ich mich um und entdecke einen alten, ausgedienten Titicaca-Dampfer, der verlassen am Ufer liegt, und stelle mir vor, wie es gewesen sein mag, als er noch bessere Tage gesehen hatte. Zu jener Zeit muss dieser Anleger ein umtriebiger kleiner Hafen gewesen sein, denn alte verrostete Bahngleise, Waggons und Kräne zeugen noch heute von Handel und Verladearbeiten.



Peru – und eigentlich ganz Südamerika – scheint permanent in Feierlaune zu sein. Puno hat sich herausgeputzt und irgendeine Feierlichkeit steht offensichtlich bevor. Auf dem Plaza Mayor de Puno, vor der monströsen Basilika, sind bunte Bänder in den Nationalfarben gespannt, und eine Bühne wurde aufgebaut. Etwas später wird es hier richtig laut.

Was man aber auch alles entdecken kann...

Schneegrenze bei über 6.000 Meter Höhe

Die Fahrt von Puno nach Arequipa geht über das peruanische Altiplano auf Höhen zwischen 3.800 und 4.600 Metern MSL entlang einer alten Bahnlinie Puno-Arequipa und vollkommen baumlosen Regionen erschließt den Blick auf einige Sechstausender und faszinierender Landschaft Wir machen eine kleine Pause in Imata bei ungemütlichen 3°C.

Kein Schnee, sondern schneeweißes Gestein

Was für ein Anblick noch weit vor Arequipa – El Misti

Arequipa

Arequipa – Plaza de Armas

28. Juli 2025 – Ich möchte es gleich vorwegnehmen: Arequipa (Wikipedia) ist mit seiner hellen Architektur, dem sehr weitläufigen Plaza de Armas im Zentrum der Stadt an der riesigen Kathedrale sowie den vielen hübschen kleinen Restaurants in all den Nebenstraßen nach meinem Geschmack die schönste Stadt, die ich bisher in Südamerika gesehen habe.

Blick vom Hostel auf El Misti

Und dann der Vulkan! Es ist El Misti (Wikipedia), ein perfekt symmetrisch angehäufter Vulkankegel, der sich nordöstlich der Stadt, die selbst auf 2.300 Metern Höhe liegt, auf 5.822 Meter erhebt – so nah, als wäre er ein Teil der Stadt selbst. Die Luftlinie zwischen Stadtmitte und Gipfel misst gerade einmal 16 KilometerDas ist in etwa so viel wie gar nichts – zumindest dann nicht, wenn Mr. Misti Schluckauf bekommen sollte.

Doch El Misti besiedelt die Gegend nicht allein. In etwas größerer Entfernung erhebt sich der nächste Vulkan, der Chachani (Wikipedia), der mit seiner Gipfelhöhe von 6.057 Metern El Misti in den Schlot spucken kann.

Chachani (links) und El Misti (rechts)

Ich habe mit dem "Viajeros Hostel" (Booking.com Affiliate-Link) ein süßes kleines Hostel im Zentrum ausfindig gemacht, das von Señora Fernanda geleitet wird. Auf drei Etagen gibt es Raum genug zum Chillen, denn ich bin ja schließlich nicht auf der Flucht. Obwohl das Zentrum Arequipas zu jeder Tageszeit einfach toll ist, um herumzustrolchen, mag ich es sehr, mir bewusst Zeit zu nehmen, in der ich einfach mit mir selbst abhänge. Manchmal gesellt sich noch jemand dazu, und schon sind wir zu dritt – oder gleich zu viert, wenn derjenige genauso schräg drauf ist wie ich und ebenfalls mit sich selbst unterwegs ist.

So ein Mist, El Misti!

Da es hier keine Wellen zum Surfen gibt, suche ich andere Freizeitbeschäftigungen. Wie wäre es mit der Besteigung des El Misti?, frage ich mich. Die Antwort kommt spontan: „Geile Idee – du hast ja immer noch deine Wanderstiefel und Wanderstöcke dabei. Perfekt!“

Also los – wo finde ich einen Guide? Obermanagerin Fernanda vom Hostel kennt sich aus und gibt mir eine Adresse, besser gesagt eine WhatsApp-Nummer, die ich umgehend anschreibe. Noch am selben Tag soll ich vorbeikommen, um ein paar Klamotten auszusuchen. Obwohl El Misti ein heißer, aktiver Vulkan ist, der im Jahr 1784 zuletzt Feuer gespuckt hat, ist mit Lufttemperaturen deutlich unterhalb der Wohlfühlgrenze zu rechnen, nämlich so um -10° C, wegen der Höhe. Ich muss einsehen, dass mein eigener Bestand an Klamotten für Temperaturen unter null Grad bei heftigem Wind nicht ausreichend ist.

Mir wird im Prinzip ein kompletter Skianzug ausgehändigt, und ich spüre, wie sich ein echtes Expeditionsgefühl in mir ausbreitet.

Zur gleichen Zeit ist ein junger Mann hier bei der Agentur, der die gleiche Absicht hat und sich dafür ebenfalls solide einkleidet. Er heißt Erik und kommt aus dem Allgäu in Süddeutschland. Wir verstehen uns auf Anhieb. Am Ende wächst die Gruppe durch ein französisches Ehepaar auf insgesamt fünf Personen, einschließlich Diana, unserer Führerin.

Abfahrt ist am Büro der Guides in der Innenstadt, wo ich mich morgens am 31. Juli um 9:00 Uhr einzufinden habe. Tatsächlich werden wir zunächst am Fuß des Berges einmal halb herum um den Vulkan auf die der Stadt gegenüberliegende Seite gefahren, von wo aus wir den Aufstieg bei 4.100 Metern beginnen und den Teil bis zum Base Camp zu bewältigen haben, das auf 4.760 Metern liegt.

Die Fahrt hierher geht über eine elend huckelige Piste dauert über zwei Stunden, und ich bin froh, als ich endlich aussteigen kann. Mein gesamtes Kreuz wird durchgeschüttelt, und ich kann nicht mehr auf meinen vier Buchstaben sitzen – er ist völlig taub geworden.




Mit Zelt, Schlafsack und Fressalien geschultert geht es los. Nach rund drei Stunden erreichen wir das Base Camp, ein durch grob aufgeschichtete Steine halbwegs windgeschütztes Areal, wo wir unsere Zelte aufstellen. Bereits hier ist es mächtig kalt und windig. Was bin ich froh, in den dicken Klamotten zu stecken.

Basecamp

Diana hat inzwischen eine Suppe heiß gemacht. Während des Essens gegen 19 Uhr wird es Nacht. Stirnlampen geben uns Licht zum Aufräumen, und um 20 Uhr krieche ich samt Skianzug in den Schlafsack. Das ist zwar unbequem, weil ich dadurch kaum Bewegungsfreiheit habe, aber so lässt sich die Temperatur aushalten. Ich stelle mir gerade vor, wie es den Jungs bei -20°C im Himalaya geht. Wie muss sich das anfühlen, noch dicker eingepackt zu sein…?

Von „Schlafen“ kann nicht die Rede sein, ich döse so vor mich hin. Immer wieder bin ich richtig wach, obwohl ich weiß, dass ich die Ruhe für den bevorstehenden Aufstieg brauche. Diana weckt uns um 1:00 Uhr früh. Sie hat ein kleines „Frühstück“ vorbereitet, und ich frage mich, wann sie eigentlich geschlafen hat. Eine halbe Stunde später sind wir mit Stirnlampen ausgerüstet wieder unterwegs. Ich bin der Einzige, der Wanderstöcke dabei hat – wie gut! Denn die steileren Passagen lassen sich damit deutlich besser bewältigen.

Doch es dauert nicht sehr lange, bis mir die Puste ausgeht. Der Berghang ist von Vulkanasche bedeckt. Was bedeutet das? Vulkanasche muss man sich vorstellen wie feinen, trockenen Sand – nur schwarz. Wer jemals eine trockene Sanddüne hinaufgestiegen ist, kann sich vorstellen, wie es ist, wenn jeder Schritt im Sand versinkt. Unter jedem Tritt gibt der Untergrund ungefähr die Hälfte der Schritthöhe nach, und man hat das Gefühl, viel zu laufen und doch kaum von der Stelle zu kommen. Genau so geht es mir gerade.

Auf psychischer Ebene passiert enorm viel: Ich will es schaffen, ich will es schaffen! Aber dieses permanente Nicht-vorwärts-Kommen zehrt brutal an meinen Kräften. „Nicht aufgeben, Horschtle!“ sage ich mir immer wieder. Dabei sind wir gerade einmal eine Stunde unterwegs.

Ich frage Diana, wie lange sie für den Aufstieg rechnet, und sie sagt, dass wir noch gut sechs bis sieben Stunden bis zum Gipfel brauchen. „Nicht aufgeben!“ wiederhole ich innerlich völlig verzweifelt immer und immer wieder.

Diana ruft uns zu einer Pause zusammen. Meine zwei Äpfel sind längst gegessen und verdaut und liefern keine zusätzliche Energie mehr. Alter, ist das anstrengend! So schwer hatte ich mir das nicht vorgestellt. Wenn wir doch nur einen festen Weg hätten. Aber nein – immer nur dieser schwarze Sand.

Eine weitere halbe Stunde vergeht, mit immer mehr Pausen – nur wegen mir. Dann ist mein Akku am Ende. Ich gebe auf. Blick auf den Höhenmesser: 5.142 Meter.

Das Allerschlimmste dabei ist, dass mit mir die ganze Gruppe meinetwegen umkehren muss, weil ich in der Dunkelheit allein nicht zurück zum Base Camp finden würde. So beschämt habe ich mich lange nicht mehr gefühlt. Umso dankbarer bin ich für das Verständnis, das mir alle entgegenbringen. Total zerknirscht geht es zurück zum Base Camp und nach Arequipa.

Treffen mit meinem Onkel

Während ich mich in Arequipa aufhalte, erreicht mich die Nachricht, dass mein Onkel Hans-Jürgen, der ein Alter von 96 Jahren erreicht hat und in meiner norddeutschen Heimat lebt, nun im Sterben liegt. Ich organisiere mich so, dass ich kurzfristig einen Flug nach Deutschland erreichen und die Chance wahrnehmen kann, meinen Onkel auf seinen letzten Lebenstagen zu begleiten.

Auf dem Weg nach Deutschland

Mit großer Dankbarkeit nutze ich die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen und von ihm Abschied zu nehmen. Fünf Tage sind uns noch vergönnt, an denen er wach und klar bei Bewusstsein ist, wo wir miteinander sprechen können. Diesem Abschied habe ich – hier – einen eigenen Artikel gewidmet.

Trauerfeier für meinen Onkel

Peru – Zweite Reisefortsetzung

Lima

Der Flug von Deutschland zurück nach Peru – genauer gesagt am herbstlichen 16. Oktober 2025, auf den Tag genau vier Jahre nach Beginn meiner Weltreise – Nostalgiker können das hier gerne nochmal nachlesen – führt mich von Hamburg über Frankfurt am Main und Bogotá in Kolumbien ohne Zwischenfälle direkt wieder nach Lima.

Im Viajero Lima Hostel

Im Hintergrund die neue Fußgängerbücke zwischen Barranco und Miraflores

Hier empfängt mich mildes Frühlingswetter. Sogleich checke ich mich zum dritten Mal im Viajero Lima Hostel (Booking.com Affiliatelink) ein, das mir bei meinen vorigen Aufenthalten wegen seiner wunderschönen Architektur und der ziemlich exklusiven Lage in Barranco ans Herz gewachsen war. Auch melde ich mich sofort bei Gérard zurück.

Für ein paar Tage bleibe ich noch in Lima, bis ich Peru dann weiter Richtung Norden erforschen will. Gérard nutzt die Gelegenheit, mich mit lokalen Köstlichkeiten vertraut zu machen.

"Horst, hier gibt's Picarones! Musst du probieren!"

Dankbarkeit statt Torte

25. Oktober 2025. Heute ist ein Tag der Danksagungen. Weit über 150 Glückwünsche erreichen mich, und jede einzelne Nachricht wird persönlich beantwortet – was allein schon ein paar Stunden in Anspruch nimmt. Eigentlich den ganzen Tag.

Am Spätnachmittag habe ich mich in einem chinesischen Restaurant selbst zum Essen eingeladen. Das hat mich total überrascht, weil ich dachte, dass ich dafür zu geizig wäre. Umso mehr habe ich mich darüber gefreut – und so hat es gleich doppelt so gut geschmeckt. Zur Feier des Tages hat das Haus uns dann sogar noch das Dessert spendiert.


Geburtstagsgong mit Selbstbedienung

Am Ende des Tages fanden wir beide – ich mit mir – dass der Tag ganz gut gelungen war und man auf diese Weise auch sehr schön Geburtstag feiern kann, wenn Familie und Freunde gerade einmal nicht kommen können.

Tags darauf musste Gérard mir unbedingt seine Qualitäten als Küchenchef beweisen, mit dem mich inzwischen eine schöne Freundschaft verbindet. Er hat eine Pasta gezaubert, die jeden Italiener blass aussehen lässt. Köstlich!

Wo geht's weiter?

Vor einiger Zeit habe ich zufällig eine Internetseite entdeckt, die von einem Ort im peruanischen Dschungel erzählt: Pozuzo, ein Dorf, das vor über hundert Jahren von Auswanderern aus Deutschland und Österreich gegründet wurde und wo die von den Siedlern mitgebrachten Traditionen bis heute erhalten geblieben sind und noch gelebt werden. Das hatte mich neugierig gemacht, und als ich den Ort auf Google Maps fand, setzte ich dort gleich ein Fähnchen und nahm mir den Besuch fest vor. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen – nichts wie hin nach Pozuzo!

Wo ist mein Bus?

Doch ich finde keinen Bus, der von Lima direkt bis nach Pozuzo fährt. Bei meiner Internetrecherche poppt Oxapampa als nächstgelegener Ort auf, der von Lima aus angefahren wird. Oxa… wie bitte??? Was soll das sein? Wie gut, dass ich im 21. Jahrhundert lebe, wo Google (fast) alles weiß. Schnell nachgeschaut – und siehe da: Oxapampa hat rein gar nichts mit einer Pampa zu tun, sondern ist eine Stadt, eingebettet in die Bergwelt der Anden. Eine ziemlich abgelegene und versteckte Ecke Perus. Na dann – da muss ich wohl erst hin, wenn ich nach Pozuzo will!

Ich liebe den Platz hinter der Frontscheibe

Von der Pazifikküste nach Pozuzo – beziehungsweise zunächst nach Oxapampa – bringt mich ein komfortabler, doppelstöckiger Reisebus. Die Strecke führt mich natürlich wieder quer durch die Anden, über Hochpässe, durch tiefe Schluchten, vorbei an einem riesigen Tagebau-Bergwerk von Morococha. Einige Quellen sprechen von einer Silbermine, andere von Kupfer. Und ich sitze wieder auf Platz 2 hinter dem Panoramafenster, meinem Lieblingsplatz im Obergeschoss mit bester Aussicht während der Fahrt, ohne zu ahnen, welche Tragödien sich durch die Ausbreitung der Mine (Dialogue Earth) irgendwo dort abspielen.

Bergbaugebiet Morococha

Zahllose Serpentinen...

...und enge Schluchten

Oxapampa

Nach rund 20 Stunden steige ich gegen 21 Uhr in Oxapampa (Wikipedia) aus dem Bus und mache mich auf die Suche nach einer Unterkunft. Freundliche Menschen, die gerade in der Nähe sind, zeigen sich hilfsbereit und diese Sache ist schnell geklärt. Am nächsten Morgen überrascht mich Oxapampa mit deutschen und österreichischen Flaggen und Wimpeln, auffallend alpiner Holzbauweise vieler Gebäude und etlichen Souvenirläden mit eindeutig deutsch-österreichischer Orientierung. Eigentlich hatte ich das von Pozuzo erwartet.

Dorfkirche Oxapampa





Dann stellt sich für mich schnell heraus, dass Oxapampa einige Jahre später von Leuten aus Pozuzo gegründet wurde. Somit liegt es auf der Hand, dass derselbe Geist und Stil in beiden Orten zu finden ist. Ich bleibe hier zwei Nächte, um mir mehr Zeit zum Entdecken zu nehmen. Obwohl ich diese kleine Stadt sehr hübsch und interessant finde, zieht es mich weiter. Die Geschichte von Pozuzo lässt mich nicht los und ich will hin.

Am Busterminal warten halbierte Minibusse auf ihre Passagiere – die verkürzte Version der mir sonst bekannten Fahrzeuge. Man könnte diese 8-Sitzer von Suzuki guten Gewissens auch Microvan nennen. Zwei Stunden dauert es nach Pozuzo und kostet 40 Soles (ca. 10 €) – mehrere Abfahrten täglich, erfahre ich. Alles klar – das gibt mir Spielraum, diesen Morgen noch entspannt bei „Desayunos Oxita“ frühstücken zu können, ohne ständig auf die Uhr schauen zu müssen.

Das „Desayunos Oxita“ ist kleines, schnuckeliges Lokal mit einem prächtigen Garten davor. Während ich frühstücke, spricht kommt eine junge Dame auf mich zu und spricht mich wegen der vielen Aufnäher an meinem Rucksack anCarol, so heißt sie, hat tausend Fragen zu meiner Weltreise. Sie selbst liebt das Reisen, ist auch schon viel herumgekommen und möchte noch mehr entdecken. Während unserer angeregten Unterhaltung vergeht die Zeit wie im Flug, und ich muss schließlich zusehen, dass ich rechtzeitig zum Busbahnhof komme

Von Oxapampa nach Pozuzo

Die Fahrzeit nach Pozuzo wird von den Fachkräften vor Ort auf etwa zwei Stunden prognostiziert. Sofort weist man mir ein Fahrzeug zu, in dem ich meinen Rucksack abgeben soll. Klingt nach baldiger Abfahrt – doch es dauert noch gut eine Stunde, bis es wirklich losgeht.

Ich sichere mir den Beifahrerplatz, um besser kontrollieren zu können, wo es langgeht. Es ist kurz vor 11 Uhr, als wir losfahren. Am frühen Nachmittag werde ich in Pozuzo sein. Ich freue mich schon unbändig! 

Die Fahrt ist spektakulär. Ähnlich wie die Death Road (Wikipedia), die Alex und ich in Bolivien mit dem Mountainbike hinab gefahren sind, so ist auch diese Straße an vielen Stellen in den steilen Berghang geschlagen, unbefestigt, geschottert oder auf dem nackten Felsen, oft nur einspurig und teilweise gerade einmal so breit, dass maximal ein LKW passieren kann.

Rechts steigt der Berghang fast senkrecht auf, links fällt das Gelände direkt neben der Fahrbahn ebenso steil ab – bis rund 50 Meter tiefer der Río Huancabamba (Wikipedia) rauscht. Oida Foida!!! Die Strecke ist extrem kurvenreich. Schneller als 50 km/h geht es nicht, meist eher 30 km/h. Gut, dass ich vorne sitze und diese Aussicht aufsaugen kann. Herrlich!

Dann kommt es dicke. An einer Stelle finden Bauarbeiten statt – Vollsperrung. Nachdem wir eine Stunde gewartet haben und sich eine ziemliche Menge Fahrzeuge hinter uns aufgereiht haben, geht es völlig unkoordiniert weiter. Unkoordiniert bedeutet, dass die Sperrung für den Gegenverkehr zur gleichen Zeit aufgehoben wurde, der Baustellenbereich aber nur einspurig passierbar ist und alle es offensichtlich gleich eilig heben, durchzukommen. Natürlich geht gleich wieder gar nichts mehr, bis der erste Fahrer einsichtig geworden ist und abwartet, bis drei oder vier Fahrzeuge passiert haben. Dann scheint seine Geduld am Ende und gibt seinerseits Gas und das Chaos beginn aufs Neue, bis wir auch endlich durch sind.

Doch einige Kilometer weiter stehen wir erneut wegen einer Baustelle. Diesmal müssen über fünf Stunden warten. Offenbar sind die Peruaner einiges gewohnt. Niemand regt sich auf – also warum sollte ich es tun?

Baustelle – 5 Stunden warten


Eeeeeendlich geht es weiter. Unterwegs tröpfelt es leicht vom Himmel. Wir setzen noch eine ältere Dame mit gefühlt dreiunddreißig Gepäckstücken mitten auf freier Strecke ab, wo nur ein Haus zu sehen ist. Ich frage mich, wie sie das alles nach Hause kriegt, bevor der nächste Schauer kommt.

Die Abenddämmerung bricht herein – und ganz schnell ist es dunkel. Hier dauert die Dämmerung kaum 30 Minuten. Meine Gedanken schweifen nach Pozuzo. Manchmal buche ich Unterkünfte gern im Voraus, wenn ich weiß, dass ich spät ankomme. Aber heute hätte ich eigentlich schon längst da sein sollen. Durch die Verzögerungen ist es spät geworden, und hier in den Schluchten gibt es kein Internet. Sei’s drum – bis jetzt habe ich immer etwas gefunden. Da legt sich mein inneres Kind wieder schlafen. Video: Nachtfahrt (1 Min).


Doch dann wird es richtig ernst. Plötzlich: Regen im Scheinwerferlicht. Und der Regen besteht nicht aus Wasser – sondern aus Steinen und Felsbrocken. Sie fliegen vom Steilhang herunter und schlagen direkt vor uns auf der Straße auf. Mir bleibt fast das Herz stehen. Der Fahrer bremst sofort und versucht zurückzusetzen – schwierig, weil wir uns in einer Kurve befinden und der Abhang weniger als zwei Meter neben dem Fahrzeug beginnt. Dazu drehen die Räder auf dem nassen, schlammigen Untergrund durch.

Die beruhigende Lösung: warten, bis der Steinschlag etwas nachlässt – und dann Vollgas bis zur nächsten Kurve, wo wir denken, sicherer zu sein. Die Brocken reichen von faust- bis fußballgroß, vielleicht sogar größer. Definitiv größer, als mir lieb ist. Noch lange später habe ich kräftiges Herzklopfen.

Ich frage den Fahrer, wie weit es noch bis Pozuzo ist. „Zwanzig Minuten“, antwortet er. Doch keine fünf Minuten später ist endgültig Schluss. Erdrutsch. Die Fahrbahn ist komplett von Geröll und umgestürzten Bäumen verschüttet.

Rien ne va plus

Mein Hostel in dieser Nacht

Man wartet ohne Jammern und ohne Klagen

Wir parken am Straßenrand. Hinter uns bildet sich eine immer länger werdende Fahrzeugkolonne. Jeder macht es sich so bequem wie möglich, und so verbringen wir die Nacht an Ort und Stelle. Am nächsten Morgen rücken ein Bulldozer und ein Bagger an, als hätten sie genau gewusst, dass Arbeit auf sie wartet. Um halb zehn ist die Strecke soweit freigeräumt, dass wir nach Pozuzo weiterfahren können.

Pozuzo

31. Oktober 2025 – Pozuzo, was für ein Dorf!!! 

Vergleichbar mit Kakerbeck (Wikipedia) oder Hollenbeck (Wikipedia). Kennst du nicht? Dann hast du was verpasst. Beides sind Nachbardörfer meiner alten Heimat Ahlerstedt (Wikipedia) in Norddeutschland.

Willkommen!

Die "falsche" Kirche

Die "richtige" Kirche

Am Dorfplatz

Rathaus

Leider nicht echt – Deko im Park

Nun habe ich aus bekannte Gründen vor der Ankunft keine Unterkunft gebucht oder besser gesagt, nicht buchen können, sondern bin in den erstbesten Laden marschiert und habe die Verkäuferin nach einer preiswerten Bleibe gefragt. Und zack – sie bringt mich bei ihrer Schwester Jessica unter, die zudem die kleine Erlebnisagentur Eco-Tours betreibt.

Dorfstadl

Ich höre, dass es ein Dorfstadl gibt, bei dem jeden Samstag- und Sonntagmorgen zum Frühstück traditionelle Musi aufspielt. Wer lässt sich sowas im fernen Peru wohl entgehen? Ich jedenfalls nicht. Dort angekommen lerne ich auch gleich den Markus aus Österreich mit seiner Quetschkommode kennen. Eine Sau-coole Socke!


Während meines sechstägigen Aufenthalts unternehme ich eine von meinen Guides Caesar und Tomas geführte Tour ins Yanahuanca-Tal. Caesar fordert mein Spanisch heraus, Thomas nutzt die Gelegenheit, sein Deutsch mit mir aufzupolieren. Er war eine Zeit lang in Österreich und hat dort einige Deutschkenntnisse erworben.



Tomas präsentiert Lulos

Außer mir stammen alle Teilnehmer unserer kleinen Gruppe aus Lima. Es ist Ferienzeit. Wir sehen mehrere Wasserfälle und einen Bergsee zum Baden. Besonders spektakulär empfinde ich zwei Attraktionen: den „Balkon von Trama“ und die „Aguas Saladas“.

Der Balkon von Trama (YouTube, 9:56 Min., Spanisch) ist eine gewaltige Felsnase, die aus dem Abhang ragt und eine ebene, begehbare Oberfläche hat. Von hier reicht der Blick kilometerweit ins Tal entlang des Río Santa Cruz.


Die Aguas Saladas (YouTube, 3:11 Min., Spanisch) ist ein See, gespeist von stark sprudelnden Quellen, deren Wasser durch Salz- und Schwefelablagerungen im Fels fließt. Entsprechend ist das Wasser salzhaltig und riecht deutlich nach Schwefel. Man könnt auch sagen, es stinkt! Es ist azurblau und arschkalt. Um darin zu schwimmen, braucht es einen Moment Gewöhnung – aber es macht Spaß! Nach einer Weile gewöhnt man sich an alles, die Kälte und den Gestank - lach.


Beim Abstieg erwischt uns peruanischer Regen. Es fühlt sich an, als hätte jemand „Wasser marsch!“ gerufen – und dabei C-Rohre der örtlichen Feuerwehr gemeint. Binnen zwei Minuten ist alles nass – alles! Also fällt es am Salzsee leicht, ins Wasser zu steigen. Aus unerfindlichen Gründen habe ich ein T-Shirt in einer Plastiktüte im Tagesrucksack. So habe ich wenigstens ein trockenes Kleidungsstück.


Bei einer zweiten Tour, diesmal nur mit Caesar, werde ich zum Tiroler Adler geführt. Caesar und ich  nehmen anschließend ein erfrischendes, energiereiches Bad im wild rauschenden Gebirgsbach.


Zurück in Pozuzo komme ich mit vielen Menschen ins Gespräch und erfahre einiges über das Leben hier. Großzügig wird mir lokales Bier angeboten – darauf sind sie mega stolz: Pozuzo hat eine eigene Brauerei! Und ich? Was nehme ich mir auch eine so verrückte Challenge vor: ein ganzes Jahr alkoholfrei – und das ausgerechnet jetzt, wo ich die spannendsten Orte bereise. Hat man da noch Worte?

Leider "muss" ich das angebotene Bier ablehnen

An meinem rechten Ellenbogen trage ich seit bereits drei Wochen eine schmerzlose Verdickung mit mir herum. Die Beurteilung des Fotos, das ich meinem Arzt in Deutschland geschickt habe, lautet auf Schleimbeutelentzündung. Ich ignoriere es geflissentlich.

Die Geschichte von der Entstehung von Pozuzo (


Besonders faszinierend finde ich die Gründungsgeschichte dieses Ortes. Im Museum „Schafferer“ kann ich viel darüber erfahren. Die erste Gruppe von Auswanderern aus Tirol (180 Personen) und aus dem Rheinland (120 Personen), die der Armut ihrer Zeit entkommen wollten, erreichte 1853 per Schiff von Antwerpen aus Lima. Der damalige peruanische Präsident Ramón Castilla hatte ihnen diese Region in der Provinz Pasco zur landwirtschaftlichen Besiedelung zugewiesen.

Obwohl zumindest die Tiroler Berge gewohnt waren, stellte die Passage über die Anden mit Passhöhen von bis zu 4.800 Metern sie vor enorme Herausforderungen. Ein Straßennetz existierte nicht – sie mussten sich ihren Weg selbst bahnen. Ich empfinde tiefsten Respekt vor diesen Menschen, die diesen Ort gründeten.

Die frühen Siedler wurden bei ihrer Ankunft im abgelegenen Tal von den Yanesha-Ureinwohnern unterstützt, die ihnen halfen, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden und durch die Rodung des Urwaldes Ackerland und Weideflächen zu schaffen. 

Pozuzo war ursprünglich zweigeteilt: Die Tiroler gründeten eine Siedlung namens Tirol, die Rheinländer eine weitere namens Prussia, etwa vier Kilometer entfernt. Heute heißen beide Ortsteile zusammen Pozuzo, was in der Sprache der indigenen Urbevölkerung "salzhaltiger Fluss" bedeutet. Die Straßenanbindung nach Lima entstand erst 1976. Also lebten die Pozuziner 120 Jahre weitgehend isoliert, was dazu beitrug, dass sich Sprache und Tradition bis heute erhalten haben.

Aufbruch zum Schiff nach Antwerpen

Seereise

Fracht-Segelschiff "Norton"

Beschwerlicher Weg über die Hochpässe der Anden

Angekommen

Zwar hat Spanisch die Alltagssprache durch den Schulunterricht längst dominiert, doch Deutsch steht noch immer auf dem Stundenplan und ich unterhalte mich hier mit erstaunlich vielen Menschen auf Deutsch. Die Bedeutung der Tradition der Herkunft der Einwanderer zeigt sich heute in Pozuzo unter anderem im „Dorfstadl“ oder an trachtenähnlichen Schuluniformen.



Pozuzo für mich? Ein absoluter Wohlfühlort.

Dann geht's weiter. Auf der Ladefläche eines Pick-up, zwischen zwei Motorrädern und reichlich lustigen Frauen...


Langeweile in Südamerika? Vergiss es!

Pucallpa

Als ich am Abend des 4. September 2025 mit meinen Freunden Thomas und Ralli aus Zeven bei meinem nun wenige Wochen zurückliegenden „Heimaturlaub“ über meine nächstliegenden Reisepläne sprach, öffnete Thomas fix Google-Maps auf seinem Handy und studierte die Gegend. Dann zeigte er mir die besprochene Gegend. Doch statt auf Pozuzo zeigte er auf einen ganz anderen Ort: Pucallpa. Und als ich noch dachte, er habe mich einfach nur falsch verstanden, als ich „Pozuzo“ sagte, ordnete er an: da musst du auch hin, die Fotos hier sehen richtig gut aus!

5. November 2025 – Hallo Pucallpa, da bin ich!

Hier ist es richtig warm und nicht so frisch wie in Lima oder gar so herbstlich wie gerade in Deutschland – 36 °C. Puuh. In Lima waren es plus/minus 20 °C, Oxapampa und Pozuzo lagen bei angenehmen 28 °C. Doch egal, welche Temperaturen herrschen – die Sonne hat überall eine enorme Kraft. Ich merke es an meiner Nase, die sich schnell einen Sonnenbrand eingefangen hat und nun pellt. Sonnencreme! Es ist immer wieder dieselbe Lektion.


Pucallpa – was für ein Ortsname. Sofern die Einträge bei Wikipedia korrekt sind, geht der Name Pucallpa  (Wikipedia) auf die Quechua-Sprache zurück: „Puka“ bedeutet rot und „Allpa“ Erde. Die Stadt liegt am Ufer des Río Ucayali (Wikipedia), einem der beiden Quellflüsse des Amazonas.


Das Erste, was mir in Pucallpa auffällt, sind tausende motorisierte Dreiräder – Motocars, die die gleiche Aufgabe erfüllen wie die bekannten Tuk-Tuks. Es sind umgebaute Motorräder, bei denen das Hinterrad durch eine Sitzbank für drei Personen (Locals bekommen dort problemlos eine ganze Familie mit drei Kindern unter) und eine kleine Ladefläche ersetzt wurde.

Im Hostel treffe ich einen Schweden, den ich kaum einmal ohne Bierflasche sehe. Die Unterkunft bietet mir ein Bett und eine eigene Dusche mit Blick auf die Straße – und umgekehrt.

Bei meiner Ankunft sende ich eine kurze WhatsApp-Nachricht an Apostel Martín. Umgehend kommt eine Antwort mit der Adresse der nächstgelegenen Kirche. Tatsächlich liegt sie nur fünf Gehminuten vom Hostel entfernt. Da heute Mittwoch ist, gehe ich rechtzeitig hin und finde – wie eigentlich überall in Südamerika – eine Gemeinde vor, die mich herzlich willkommen heißt.



Die Stadt liegt am Río Ucayali, einem der beiden Ursprungsflüsse des Amazonas, was sie zu einem wichtigen Handelszentrum der Region macht. Über den Fluss wird sowohl Passagier- als auch Warenverkehr abgewickelt. Einen klassischen Hafen mit Anlegebrücken suche ich allerdings vergeblich. Die Boote – lange, schmale Flussschiffe – fahren einfach mit dem Bug ans Ufer und werden über die Bugspitze be- und entladen. Boote kommen und gehen. Es ist faszinierend, diesem geschäftigen Treiben zuzusehen.

Fischer-Denkmal

Bei der Fischerei liegt ein besonderer Fokus auf dem Fang riesiger Welse, den sogenannten Riesenwelsen, wofür die Stadt sogar eine große Statue errichtet hat.

Eine unvergessliche Erfahrung ist der Gottesdienst am Sonntag. Apostel Martín bittet mich, ihn zu begleiten, und holt mich mit seinem Motorrad ab.


Er erzählt mir die Geschichte dieser Gemeinde: Ein Bruder hatte sich am Stadtrand von Pucallpa ein Grundstück gekauft und es Gott und seiner Kirche gewidmet. Früher stand hier offenbar ein kleines Wohnhaus mit Innenhof. Der überdachte Fahrzeugstellplatz dient heute als Versammlungsraum – Kirche also. Langsam aber sicher wächst die Gemeinde aufgrund der Hingabe eines Einzelnen.




Dann neigt sich meine Zeit hier zu Ende. Mein Plan ist, in Richtung ecuadorianische Grenze weiterzureisen. Allerdings gibt es Busverbindungen nur über Lima. Das gefällt mir nicht:

Also konzentriere ich mich auf Punkt drei. Als Alternative finde ich schließlich private Fahrdienste mit PKW, die offizielle Transportlizenzen besitzen. Sie bedienen Routen, die von Bussen und Colectivos nicht abgedeckt werden.

Nächster Halt: Tingo María.

Tingo María 

12. November 2025 – Eine Mitbewohnerin des Hostels in Pucallpa hatte mir dringend empfohlen, in Tingo María einen Zwischenstopp einzulegen und Höhlenbesichtigungen zu machen. Na, dann wollen wir mal sehen...

In der Umgebung von Tingo María wimmelt es nur so von Höhlen und Wasserfällen und wie immer bieten verschiedene Agenturen Ausflüge an. Und was mache ich? Solange es irgendwie geht, organisiere ich meinen Ausflug immer wieder auf eigene Faust.


Ein Tuk-Tuk – hier gibt es keine Motocars – bringt mich für einen Bruchteil des Agenturpreises zur "Höhle der Eulen". Wie ein weit aufgerissenes Maul öffnet sich die Höhle in etwa 20 bis 30 Metern Höhe im Berg. Eine Treppe macht es leicht, zur Öffnung hinaufzugelangen.

Im Rachen des Berges


Man kann die Höhle etwa 100 Meter weit hinein auf einem Holzsteg betreten. Meine an Helligkeit gewöhnten Augen brauchen eine Weile, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, denn außer dem einfallenden Tageslicht gibt es keinerlei künstliche Beleuchtung.

Als ich das Schild sehe, das darauf hinweist, dass es verboten ist, den Holzsteg zu verlassen, werde ich neugierig. Was im Halbdunkel nicht zu erkennen ist, offenbart sich, wenn man sich bückt und genau hinschaut: auf dem sandigen Boden krabbeln tausende kleiner Käfer.

Am Ende des erlaubten Weges angekommen, blicke ich in die Dunkelheit der Höhle. Ich sehe Wesen flattern, kann aber nicht erkennen, ob es Vögel oder Fledermäuse sind – ich vermute Letzteres.




Ziemlich crazy.

Huánuco

14. November 2025 – Huánuco dient mir vor allem als logistischer Zwischenstopp.

Eine Nacht, etwas Schlaf, etwas Orientierung. Manchmal sind es genau diese Orte, die auch schön sind, wenn sie nicht gerade mit großen Attraktionen locken, sondern einfach Raum zum Durchatmen bieten, bevor es weitergeht. 

Da ich am frühen Nachmittag in Huánuco ankomme und Zeit habe, denn die Weiterfahrt ist für den nächsten Morgen geplant, mache ich auch hier einen Rundgang durch die Stadt. Wenngleich ich keine Erwartungen bezüglich Sehenswürdigkeiten habe, überrascht mich die Stadt mit einem angenehmen Flair. Dann stehe ich plötzlich vor einer blauen Kathedrale – gibt's ja nun auch nicht überall! Als Nächstes laufe ich mitten in die Darbietung eines traditionellen Tanzes. 



So hat sich dieser Zwischenstopp für mich auf jeden Fall gelohnt.

Huaraz

15. November 2025 – In Huaraz komme ich gegen 21 Uhr abends an und habe nichts vorab gebucht. Ich steige einfach aus dem Lieferwagen aus und mache mich auf die Suche nach einer geeingeten UnterkunftWas ich zu dieser späten Stunde aber finde, ist ein echter Glücksgriff. Eine Hospedaje mit außergewöhnlich freundlichem Personal. Der Besitzer gibt mir ein Zimmer im obersten Stockwerk, sechste Etage, von wo der Ausblick sensationell sein muss, da keine hohen Gebäude davor stehen. Doch jetzt, bei meiner Ankunft ist es bereits Nacht.

Wofür ist Huaraz bekannt und was kann man hier sehen oder tun? Es ist vor allem diese gewaltige Bergwelt, die viele Touristen anzieht und zu Wander- unf Trekkingtouren einlädt.


Als ich am Morgen auf den Balkon der 6. Etage trete, ist von den schneebedeckten Gipfeln der umliegenden Sechstausender durch den wolkenbedeckten Himmel leider nur sehr wenig davon zu sehen. Die Peruaner nennen diese Bergkette „Cordillera Blanca“ – die Weiße Kette, was sich auf die zahlreichen Gletscher und schneebedeckten Gipfel bezieht. Sie beherbergt den höchsten Berg Perus, den Nevado Huascarán (6.768 m).


Ich gehe in die Stadt und studiere die Ausflugsmöglichkeiten. Ich entscheide mich schließlich für die Exkursion zum Pastoruri-Gletscher (Wikipedia, nur auf EN und ES) zu besuchen. Aufgrund der sehr wenigen öffentlichen Verbindungen von und nach Huaraz verzichte ich auf eine selbstständige Organisation, da es kaum Aussichten auf Erfolg hat. So buche ich den Trip bei einer der zahlreichen Agenturen.

Ein Bus von der Art der Colectivos bringt unsere Gruppe hinauf auf etwa 5.000 Metern Höhe, von wo ein Pfad ca. einen Kilometer auf 5.400 Meter Höhe bis an den Gletscher heranführt. 

Riesenbromelie

Auf dem Weg dorthin passieren wir einen "Wald" von Pflanzen, die ich noch nie gesehen habe. Es sind Puya raimondii (Wikipedia), auch bekannt als „Königin der Anden, und sollen größten Bromelien der Welt sein.

Als wir den Gletscher erreichen, kann man deutlich erkennen, dass er stark abgeschmolzen ist und man sieht Spuren, wo der Gletscher früher mal sein Bett zwischen den Bergflanken hatte. Man spricht davon, dass bis zu einem Drittel sei bereits verschwunden ist. Ein stiller, nachdenklich stimmender Anblick.

Pastoruri-Gletscher

Und weiter geht's – nach Cajamarca.

Meine Recherchen für die Fahrt von Huaraz nach Cajamarca führen immer wieder zum selben Ergebnis: 12 Stunden Fahrt über Nacht bis Trujillo und dann weitere 6 Stunden von Trujillo nach Cajamarca. Da ich lieber am Tage unterwegs bin, um alles sehen zu können, muss ich mich geschlagen geben, denn es scheint kein Unternehmen zu geben, das am Tage fährt. Okay, wenn es schon nicht anders geht, dann bitte einen komfortablen Reisebus, in dessen Liegesitz ich auch schlafen kann. Das gibt es und wird sogleich gebucht.

Trujillo

19. November 2025 – Ankunft morgens um 5:30 Uhr. Und jetzt? Mein Bus nach Cajamarca geht doch erst um 14:00 Uhr! Es ist bereits heller Tag und die Stadt wacht gerade auf. Ich lasse mich von einem Uber-Fahrer zum Plaza de Armas fahren, in der Hoffnung, dort ein Café zu finden oder ein Restaurant für ein kleines Frühstück.


Der Plaza de Armas ist groß und schön angelegt und eingerahmt von Gebäuden mit hübschen Fassaden. Etliche Straßenreiniger machen ihren Job, kehren Unrat zusammen und leeren Mülleimer. Aber alle Restaurants und Cafés sind geschlossen und machen auf keinen Fall vor 8:00 Uhr auf. Grrr...


Das Frühstück, auf das ich nun lange genug warten musste, stimmt mich versöhnlich. Um 8:35 Uhr wird serviert, und ich bin der Erste, der bedient wird.


Noch am selben Tag geht's weiter. Sechs Stunden bis Cajamarca!

Aufregung in Cajamarca

19. November 2025 – Zur Begrüßung kläfft mich im Park der Stadt ein wildgewordener Hund von der Größe im Handtaschenformat an und – ich glaub es kaum – beißt mir dann tatsächlich in Bein. Meiner Fjällräven G1000-Hose kostet das allerdings nur ein müdes Lächeln. Sie dämpft den Biss ins Fleisch enorm. Im Gegensatz zu meiner Haut sind an der Hose keinerlei Bissspuren zu erkennen. Schwedische Qualität ist eben unschlagbar!

Hier finde ich anstelle einer Hospedaje wieder ein richtiges Backpacker-Hostel – sowas mit Schlafsaal, Küche und Social Area zum Connecten mit anderen Backpackern. Hier begegne ich Giacomo aus Italien, Jesús aus Lima, Jana aus München/Berlin und Ben Holliday aus England – allesamt coole Typen, mit denen man eine Menge Spass haben kann.

Herbert, der Besitzer des Hostels, mächtig stolz auf seinen deutschen Namen, ist ein großartiger und herzensguter Mensch, der keine Gelegenheit auslässt, jeden seiner Besucher wärmstens auf interessante Besichtigungsziele in und um Cajamarca hinzuweisen. Ich entscheide mich jedoch, zunächst ganz in Ruhe durch die Stadt zu schlendern und sie auf eigene Faust zu entdecken. Das finde ich einfach schöner, als irgendeinem einem Touristenstrom zu folgen.


Die Stadt liegt in einem breiten Talbecken. In der Nähe des Zentrums erhebt sich der Hausberg, von. dem sich eine schöne Aussicht über die Stadt bietet. Etwas unterhalb des Gipfels steht eine kleine, blau-weiß gestrichene Kirche in den Fels hinein gebaut. Eine Treppe mit hunderten von Stufen führt direkt vom Plaza de Armas dort hinauf.


So schlendere ich über den lokalen Markt. Ich mag diese lokalen Märkte, sie sind in fast allen Städten zu finden und sie sind der Ort, wo die einheimische Bevölkerung einkauft, aber auch zu Mittag isst. Dort gibt es immer auch kleine Küchennischen, die ganz groß kochen. Wann immer ich mich setze und etwas zu essen bestelle, gibt es auch immer jemanden, der mich anspricht und wissen will, woher ich komme oder ein anderes Thema im Sinn hat. Was wäre eine Weltreise, wenn man nie mit Einheimischen gesprochen hätte? 

Kathedrale von Cajamarca

Am Plaza de Armas – stets der größte Platz im Zentrum jeder Stadt – bewundere ich die unglaubliche Fülle an Details in der Fassade der Kathedrale und betrachte das pulsierende Leben hier im Zentrum. Mir fällt ein positiver Vibe auf, eine angenehme Energie, die auf des Stadt liegt.


...und noch eine von vielen!

What the heck...?

Schließlich mache ich eine Pause und lege mich für fünf Minuten rücklings auf eine Parkbank, um mich auszuruhen. Da fällt mir unbemerkt mein Handy aus der Hosentasche. Nach der Pause mache ich mich auf den Weg zurück zum Hostel und schlendere durch die Straßen. Vielleicht fünfzehn Minuten später fällt mir auf, dass das Handy nicht mehr da ist.

Sofort gehe ich den ganzen Weg zurück … aber nirgends ist mein Handy zu finden. Scheibenhonig!

Der Bursche vom Eisladen ist bereit zu helfen und wählt mit seinem WhatsApp-Account meine Rufnummer. Tatsächlich geht jemand ran. Jetzt wird es spannend. Was ist das für ein Mensch am anderen Ende? Legt er sofort wieder auf und setzt das Handy auf Werkseinstellungen zurück – oder ist es ein ehrlicher Finder? Der Eisverkäufer erklärt mir, dass der Mann das Handy im Park gefunden habe und es in zwei Stunden hier im Laden vorbeibringen wolle, um es zurückzugeben. 

Mein Magen bleibt skeptisch.

Nach zwei Stunden bin ich natürlich pünktlich wieder vor Ort – aber mein Eisverkäufer ist nicht mehr da. Nun muss man wissen, dass der Dialekt hier in Cajamarca offensichtlich so weit von meinem Spanisch entfernt ist, wie Plattdeutsch von Bayerisch. Ich verstehe so gut wie nada. Was tun?

Ich gehe zu einem benachbarten Shop des Eisladens, einen Touranbieter. Dort hoffe ich, dass man zumindest etwas Englisch spricht. Auch dort ist man bereit zu helfen, und erneut organisieren wir einen Anruf auf mein Handy. Nun erfahren wir, dass der „Finder“ in zwei weiteren Stunden zum Plaza de Armas kommen wolle – als wäre das jetzt zum ersten Mal Thema. 

Mein Magen fühlt sich an wie eine Waschmaschine!

Im Geiste gehe ich durch, was ich alles verlieren würde, wenn das Handy weg wäre. Meine Millionen Fotos!!! Zum Glück ist einiges davon bereits in einer Cloud gespeichert – ein Teil der Fotos, meine Kontakte, Adressen und mehr. Aber wie werde ich die weitere Navigation meiner Reise ohne Handy machen? Wie buche ich Busfahrten? Wie bezahle ich ohne Handy, wenn wenn Onlinezahlungen erforderlich sind?

Mein Magen befindet sich im Schleudergang. Alter Falter – wie abhängig ich von so einem kleinen Gerät geworden bin – und es ist noch nicht einmal ein Herzschrittmacher!

Weitere zwei Stunden später – es ist inzwischen sechs Uhr abends – warte ich wo? Natürlich vor dem Büro des Reiseanbieters. Und warte. Und warte.

Dann hält direkt vor mir ein großer weißer Toyota-Pickup. Die dunkle Scheibe der Beifahrerseite fährt herunter, während der Fahrer mit einem Handy herumfuchtelt. Ich springe auf – und erkenne sofort meine dunkelgrüne Schutzhülle.

Plötzlich kann der Fahrer Englisch und fragt mich mit ernstem Ton, wie ich beweisen könne, dass das Handy mir gehört. Ich sage ihm, dass es sich per Gesichtserkennung entsperren lässt. Daraufhin gibt er es mir – und ich zeige ihm, dass es tatsächlich funktioniert.

Da wird der Mann ganz weich und freundlich und erzählt mir, wie er das Handy gefunden hat und dass er froh sei, es zurückgeben zu können. Den Finderlohn von 100 Soles (ca. 25 EUR) habe ich bereits seit Stunden in der Hosentasche und biete ihn ihm an. Doch er lehnt ab.

Also gebe ich das Geld seiner Frau, die direkt vor mir sitzt, mit der Aufforderung, ihren Mann damit zum Essen einzuladenDas gelingt mir sogar auf Spanisch, da sie kein englisch versteht. 

Puuuuh – bin ich erleichtert, mein Handy wieder zu haben!

Erholung durch Ausflüge

Nach dieser gut ausgegangenen Mission buche ich gleich noch zwei Touren bei den beiden Leuten der Agentur, die mir geholfen haben: eine Tour zu den Ventanillas de Otuzco, alte, in den Fels gehauene Steingräber aus einer Zeit lange vor den Inkas – was für mich eine klare Fünf-Sterne-Erfahrung wurde – und die Laguna de San Nicolás, wo wir auf Schilfbooten über den See fahren – hier eher drei Sterne.


Zurück im Hostel will Herbert, mein Hostel-Vater, wissen, wohin meine Reise als Nächstes gehen soll. „Nach Ecuador“, sage ich zu ihm. „Pass auf, Horst, du musst unbedingt nach Chachapoyas. Das liegt im Norden und darfst du auf keinen Fall verpassen. Wasserfälle, Mumien und eine herrliche Stadt …“ schwärmt er.

Genau SO reise ich am liebsten – mit Empfehlungen von Einheimischen!

Doch erst wird es Sonntag. Ich freue mich auf die Begegnung mit meinen Glaubensgeschwistern und bin auf die Gemeinde gespannt. Und – Surprise, Surprise – es ist wir überall: herzlich und als würde man sich schon lange kennen. Alle wollen mit aufs Erinnerungsfoto!




Als ich mich dann auf die Socken mache, um weiter Richtung Ecuador zu kommen, gibt es wieder keine Busgesellschaft, die mich direkt von A nach B, also Cajamarca nach Chachapoyas bringen würde, nur über Lima. Aber über Lima will ich nun wirklich nicht mehr fahren. Doch Herbert kennt sich aus. Er hält vor seinem Haus ein Tuk-Tuk für mich an und erklärt dem Fahrer, welcher Fahrdienst mich Richtung Chachapoyas bringen kann. Es gibt Colectivos, die die Strecke fahren.

Dort angekommen, gebe ich Chachapoyas als Reiseziel an und wundere mich über das extrem günstige Ticket: 10 Soles!


Um 12 Uhr mittags geht es per Colectivo los. Leider klappt es hier nicht, den Beifahrerplatz zu kapern. Die Reise geht zwei Stunden lang kurvenreich die nicht überall asphaltierten Straßen nach Celendín. Dort habe ich zwei Stunden Aufenthalt, bevor es weitergeht – ebenso kurvenreich und huckelig.

Teilweise kommen wir nur im Schritttempo voran, und die Hänge fallen am Straßenrand über hunderte Meter steil ab – selbstverständlich ohne jede Absturzsicherung.


Es wird dunkel, und bis Chachapoyas sind es noch Stunden.

Gegen Mitternacht passieren wir die Ortschaft Leymebamba. Im hellen Licht des Fahrzeugs erscheint mir der Plaza de Armas außerordentlich hübsch: Gebäude mit weißen Fassaden und weinroter Sockelzone umsäumen den Platz. Innerhalb von Sekunden fasse ich den Entschluss, auszusteigen und hier eine oder zwei Nächte zu bleiben.

Leymebamba

Mein Colectivo im Leymebamba

Da stehe ich nun auf dem Plaza de Armas, und weit und breit keine Menschenseele – nachdem mein Colectivo weitergefahren ist. Das Hospedaje, das ich schließlich finde, ist verschlossen. Kein Kicht scheint durch die Fenster. Doch neben der Tür hängt eine Telefonnummer.

Klingeling … und ich spreche mit jemandem, der mich nicht versteht und den ich nicht versteheDa haben wir schnell eine erste Gemeinsamkeit entdeckt.

Klick. Aufgelegt! Wie bitte? Ich schaue mein Handy an. Es guckt zurück. Sagt aber nix. Beide sind wir ratlos.

Dann klopfe ich an die Tür – immer wieder und jedes Mal kräftiger. Nach fünf Minuten, die sich anfühlen wie eine kleine Ewigkeit, wird geöffnet. Ein Verschlafener Irgendwer lässt mich herein. Nur ein Zimmer ist frei: ein Doppelzimmer mit drei Betten. Preis: 60 Soles. Hmm… zwar leicht über meinem Budget, aber ich habe keine andere Wahl. Ich schaue in meine Geldbörse und finde genau einen einzigen 100-Soles-Schein. Nicht mehr, nicht weniger.

Mit einer zweiten Nacht wird es also nichts. Ich zahle und falle wenig später ins Bett.

Am Morgen stehe ich auf, packe sofort alles zusammen und stehe acht Stunden nach meiner Ankunft erneut mit Rucksack auf dem Plaza de Armas. Ich suche das Büro der Colectivos, und stelle fest, dass dies Dorf wirklich hübsch ist.





Dort, wo ich nachts ausgestiegen bin, gibt es kein Büro – stattdessen einen Krämerladen. Der Verkäufer kennt sich aber aus und erklärt mir, dass ich jederzeit kommen könne, um den nächsten Colectivo zu nehmen.

Na toll. Da hätte sogar ich drauf kommen können. Herrje…! Angesichts des Straßenzustands ist mir klar, dass es hier nur ungefähre Zeitangaben geben kann. Aber sowas von ungefähr hatte ich nun doch nicht erwartet.

Also beschließe ich, meine Wartezeit so zu gestalten, dass ich was davon habe und gehe zum Mumien-Museum, von dem Herbert gesprochen hatte – denn genau das befindet sich hier in Leymebamba. Vom Zentrum aus liegt es allerdings etwa drei Kilometer entfernt. Das Wetter ist sonnig, mit ein paar Quellwolken – perfekt für einen längeren Spaziergang.

Kurz vor dem Museum überholen mich zwei junge Männer auf Fahrrädern. Da es bergauf geht, sind sie relativ langsam unterwegs, und einer von ihnen trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Mir reicht’s – ich geh Rad fahren.“ Auf Deutsch!

Nanu, what's that?

Wir kommen ins Gespräch, und die beiden erzählen mir, dass sie aus Deutschland stammen, aber schon seit über 30 Jahren in Südamerika leben – der eine in Peru, der andere in Ecuador. Auch sie wollen sich das Museum ansehen.







So lerne ich Thomas und Michael kennen, und wie so oft entsteht spontan eine Freundschaft. Beide betreiben an ihren Orten ein Hotel. Vielleicht liegen ihre Orte auf meiner Route – oder ich lege meine Route einfach so, dass wir uns wiedersehen. Mal sehen, wie es passt oder passend gemacht wird...

Chachapoyas

2. Dezember 2025 – Ankunft in Chachapoyas. Ohne vorherige Reservierung frage ich mich durch und finde meine Unterkunft im Chachapoyas Backpackers“ (Betreiber-Link)einem sehr hübschen Haus mit einer besonderen ArchitekturEin Atrium-artiger Raum erstreckt sich über drei Etagen bis hinauf zur Dachterrasse, offen nach oben, sodass Hängepflanzen und große Naturfotografien von dort in jede Ebene herabhängen. Giacomo (kennengelernt in Cajamarca) hat sich ebenfalls hier untergebracht und wir begrüßen und freudig.

Doña, die Besitzerin, hat einen außergewöhnlich guten Geschmack, den sie überall mit liebevoller, einladender Dekoration zum Ausdruck bringt. Darüber hinaus begrüßt sie mich jedes Mal sehr persönlich mit „Buenos días, Señor Horst“. Ich fühle mich sowas von willkommen und weiß sofort, dass ich hier länger als nur zwei oder drei Tage bleiben werde.

Was die Stadt selbst betrifft, was soll ich sagen? Je weiter ich nach Norden komme, umso schöner scheinen die Orte zu sein. Wenn ich die über die Schönheit der bisher besuchten Städte geschrieben habe, weiß ich so langsam nicht mehr, wie ich das noch steigern könnte. Ich will es mal so sagen, die Orte, jedes Dorf und jede Stadt, sie haben einerseits die Grundstruktur des Stadt- oder Ortsbildes zumeist gemeinsam, wie die Plaza de Armas im Zentrum und die Kathedrale mit Gebäuden verschiedener Behörden drum herum, jedoch in der Gestaltung haben sie jeweils ihren einen eigenen Charakter. So auch hier.





Weihnachtlich geschmückter Plaza de Armas

Jana und Ben kommen zwei Tage nach mir in Chachapoyas an. Allerdings haben sich die beiden inzwischen in einem anderen Hostel untergebracht. Zusammen unternehmen wir einen Trip zum Gocta-Wasserfall.

Die Attraktionen, die von hier aus zu erreichen sind und mich besonders interessieren, sind die Ruinen von Kuélapdas Mausoleum von Revash und der Gocta-Wasserfall.

Ruinen von Kuélap

Wie komme ich ohne Reiseagentur nach Kuélap (Peru Travel)? Ganz pragmatös: per Colectivo bis nach Nuevo TingoIn den Bergen oberhalb der Stadt Nuevo Tingo befindet sich dann eine Seilbahn, die Besucher über eine Strecke von rund vier Kilometern zu einem benachbarten Gebirgskamm transportiert. 

Dort auf dem Berggipfel wurde vom Volk der Chachapoya (Wikipedia) eine befestigte Siedlung aus Rundbauten errichtet – ein Dorf innerhalb einer Festungsanlage, von dem heute leider nur noch Ruinen übrig sind. Vermutlich waren es die spanischen Eroberer, die alles zerstört haben.




Keine Bearbeitungsspuren!
Wie hat man diese und andere Figuren herausgearbeitet?

Die Grundmauern und Überreste von mehr als 300 Rundbauten zeugen von einer Kultur, die zeitlich noch vor den Inkas existierteWenn ich mir vorstelle, dass in jedem Haus vielleicht zehn Menschen lebten, dann muss hier einst ein Volk von rund 3.000 Menschen zu Hause gewesen sein.

Mausoleum von Revash

Nach dem Erfolg, Kuélap ohne Reiseagentur erreicht zu haben, fühle ich mich motiviert, Revash genauso aufzusuchen.

Und schon geht es schief… haha.

Um zum Mausoleum von Revash (Peru Travel) zu gelangen, ist diesmal das kleine Nest Yerbabuena mein Ziel per Colectivo, wo ich gegen 10 Uhr morgens aussteige – nur um zu erfahren, dass die „Straße“ ins Gebirge gesperrt sei.

Na gut, denke ich mir, ein Moped findet doch immer noch einen Weg, oder? In der Nähe meines Ausstiegs gibt es eine kleine Mopedwerkstatt, doch die Jungs dort haben keinerlei Interesse, mir ein Moped für einen Tag zur Verfügung zu stellen oder zu vermieten. Und das einzige Motocar der Gegend fährt eine Frau, die mich ebenso wenig nach Revash bringen will.

So'n Schiet!

Also checke ich kurz Google-Maps und mache ich mich zu Fuß auf den Weg – 19 Kilometer liegen vor mir. Die Sonne brennt, und ich habe keine Mütze mehr, nachdem ich sie einige Tage zuvor in einem Colectivo habe vergessen, sie mitzunehmen. Die Mütze voller Erinnerungen, die Alex mir bei seinem Abschied dagelassen hatte. Die Strecke zieht sich hin, erst entlang eines Flusses, dann über immer wiederkehrende Serpentinen, um Höhe zu gewinnen.

Plötzlich kommt Verkehr – aber von der falschen Seite, von vorn. Es staubt wie blöde. Inzwischen habe ich vielleicht drei oder vier Kilometer hinter mir, als von hinten erneut Verkehr auftaucht: Lastwagen und Baumaschinen. Ich halte den Daumen hoch. Es nützt nichts. Die fahren gnadenlos vorbei. Ich werde zum Staubfresserschwitzeund beginne, meine Marsch-Entscheidung infrage zu stellen.

Schließlich wieder Motorengeräusche: diesmal ein Motorrad, das zum Pick-up umgebaut wurde. Ein Fahrer und zwei Kerle auf der Ladefläche. Sie halten an und nehmen mich mit.

Anstelle des langen Weges, den ich auf Google Maps gesehen habe, fahren die Jungs mit mir einen nicht eingezeichneten Pfad und ersparen mir damit deutlich mehr als die Hälfte der Strecke – vielleicht sogar zwei Drittel.

Doch als die Burschen ihr Ziel erreicht haben, muss ich erneut auf Schusters Rappen weiter. Der Rest aber geht querfeldein – oder besser gesagt: querbergein. 

Erneut fasziniert mich die Geologie der Erde und ich frage mich beim Betrachten der Berge, welche Urgewalten nötig sind um Hunderte von Gesteinsschichten zu falten und zu einem hohen Berg aufzutürmen.

Welche Kräfte vermögen solchen Berg zu formen?

Knapp tausend Höhenmeter
 muss ich meistern, bis ich die in die Felsnischen gebauten Grabstätten aus 20 bis 50 Metern Entfernung betrachten kann.



Ohne Drohne sind gute Aufnahmen schwierig zu schießen, da die Bauwerke in die Nischen der senkrechten Felswand hinein gearbeitet wurden und es keinen gut exponierten Aussichtspunkt gibt. Der Blickwinkel ist ziemlich steil.

Gocta-Wasserfall – 771 Meter in zwei Kaskaden

Der Gocta-Wasserfall (Wikipedia) ist weniger ein einzelnes Ziel als vielmehr ein Erlebnis. Schon der Weg dorthin, das langsame Näherkommen, das stetige Anwachsen des tosenden Geräuschs und schließlich der Blick auf die gewaltigen Wassermassen, die sich aus unglaublicher Höhe in die Tiefe stürzen, hinterlassen einen bleibenden Eindruck.




Fazit

Wer Peru nicht besucht, hat definitiv etwas verpasst – tatsächlich sogar sehr viel. Das bedeutet nicht, dass andere Länder wenig zu bieten hätten, doch ich bin überwältigt von der Vielzahl und der Varietät der Sehenswürdigkeiten – von der faszinierenden Natur bis hin zu den zahllosen Überresten vergangener Kulturen.

Aber auch der Vibe Arequipas und anderer Orte ist es wert, in das Leben von heute einzutauchen.

Komme ich also wieder zurück? Schaun mer mal.


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